„Losgehen wie ein kleiner Detektiv“
Was macht eigentlich ein Polizeireporter? NW-Redakteur Jens Reichenbach im Interview
Michaela Heinze
Redaktion
„Das Spannende an meinem Job ist das Recherchieren, wie es die ‚Drei Fragezeichen‘ machen.“ Gerne und mit einem Funken lausbübischer Begeisterung in der Stimme erzählt Jens Reichenbach über seine Arbeit als Polizeireporter bei der Neuen Westfälischen.
„Bei Kriminalfällen geht man los wie ein kleiner Detektiv und versucht, mehr über die Tat und die Hintergründe zu erfahren.“ Der groß gewachsene 1,85-Meter-Hüne arbeitet als Redakteur bei der Neuen Westfälischen und ist zuständig für die ganz harten Themen: Kriminalität, Unfälle, Brände – kurz: Blaulichtberichterstattung.
Zeugen zu finden, mehr über die Hintergründe zu erfahren, die Tat zu beleuchten, das ist genau sein Ding. Eine Wand in seinem Büro ist von der Decke bis zum Boden quasi tapeziert mit Phantombildern. „Sie sind eine Erinnerung an die Fälle, die noch immer offen sind“, erklärt der Blaulichtreporter. Und dann seien sie auch ein Stilmittel im Büro, um zu zeigen: „Hier ist Polizeiberichterstattung zu erwarten.“
Hast du manchmal Angst bei deinem Job?
Angst ist das falsche Wort. Wenn ich zum Einsatzort komme, dann sind Polizisten und Retter schon längst vor Ort. In der Regel hat sich die Lage zu dem Zeitpunkt schon entspannt. Entweder ist der Täter geflüchtet oder er wurde festgenommen. In dem Fall brauche ich keine Angst zu haben. Trotzdem ist es manchmal aufregend. Ein Beispiel: Ich besuche den Tatort und versuche, mit Zeugen zu sprechen. Da kann es sein, dass die mir nicht wohlgesonnen sind.
Warst du schon mal in einer gefährlichen Situation?
Dass Menschen aggressiv werden, passiert regelmäßig. Manche finden es merkwürdig, wenn man bei einem Unfall als Medienvertreter Fotos machen möchte. Wir müssen immer wieder die Emotionen herunterkochen. Wenn das nicht klappt, bin ich froh, dass auch die Polizei weiterhelfen kann. Die Polizei weiß, was unsere Aufgabe ist, nämlich über das Geschehene zu berichten.
Was ist denn die Aufgabe von Polizeireportern?
Wir berichten über Unfälle, Straftaten, Brände und Ähnliches. All das sind Dinge, die möglichst nicht passieren sollten. Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden: Warum ist es passiert? Wie können wir helfen, dass es nicht wieder passiert? Zum einen ist das, was wir machen, Prävention. Und zum anderen helfen wir dabei, Unfälle und Taten für die Öffentlichkeit zu erklären.
„Entsprechende Änderungen sind oft auch das Ergebnis von Medienberichterstattung in unserer Lokalzeitung.“
Ein konkretes Beispiel: Wenn an derselben Stelle immer wieder Unfälle passieren, dann fragt man sich, warum das so ist und ob die Stadt oder auch die Polizei da eingreifen muss, um diese Stelle sicherer zu machen. So war es zum Beispiel mit der Einführung der Tempo-30-Zone an der Stapenhorststraße. Hier hatte es 2015 einen Verkehrsunfall gegeben, bei dem eine Radfahrerin stürzte und sich lebensgefährlich verletzte.
Wie bekommst du mit, dass etwas passiert ist?
Bei Unfällen und Bränden werden wir direkt von Polizei oder Feuerwehr informiert. Wenn es zum Beispiel einen größeren Brand gibt, werden wir von der Einsatzleitstelle der Feuerwehr über einen sogenannten Pager informiert. Ein Pager ist ein kleines Gerät, das Kurznachrichten empfangen kann. Wir bekommen die Nachricht, wo etwas und was passiert ist. Aber es gibt auch Ereignisse, bei denen uns die Behörden nicht sofort dabei haben wollen, weil sie erst einmal selbst ermitteln müssen.
Durftest du schon mal in einem Polizeiauto mitfahren?
Ja, für eine Reportage durfte ich schon mal eine Nacht im Streifenwagen mitfahren. Aber das ist eine Ausnahme und funktioniert nicht spontan. Man muss lange vorher so einen Termin vereinbaren und einen Haftungsausschluss unterschreiben, falls der Streifenwagen im Einsatz jemanden verfolgen muss und das Polizeiauto dann in einen Unfall verwickelt wird. Meine Fahrt war aber ganz ruhig und hat den normalen Alltag der Polizeibeamten gezeigt.
Hast du schon mal einen echten Einbrecher gesehen?
(*lacht*) Ja, das bleibt nicht aus, ich habe schon alle Arten von Straftätern gesehen. Nicht, weil ich sie ertappt hätte, sondern weil ich regelmäßig ins Gericht gehe. Und da sitzen die dann auf der Anklagebank: Schwerverbrecher, Diebe, Bandenmitglieder und eben auch Einbrecher.
Darfst du über alles schreiben oder gibt es auch Sachen, die geheim bleiben müssen?
Es gibt Sachen, die müssen geheim bleiben – für immer oder zumindest eine Zeit lang. Es gibt Details einer Tat, die mir die Polizei zwar bestätigt, aber sagt: „Wenn du das jetzt schreibst, würde das unsere Ermittlungen behindern.“ Ein Beispiel: Wenn ein Täter einer Bande bereits gefasst ist, und ich würde darüber schreiben, wären die anderen Täter gewarnt. Darum bittet uns die Polizei, so lange darüber zu schweigen, bis auch die verhaftet sind. Wir wollen die Ermittlungen ja nicht gefährden.
Macht es dich manchmal fertig, die ganze Zeit über Unfälle und Verbrechen zu schreiben?
Natürlich lässt mich das Leid der Menschen, das durch Unfälle oder Kriminalität entsteht, nicht kalt. Doch ich gehe das Themengebiet professionell an. Ich sehe, wie Polizisten, Rettungskräfte und Feuerwehrleute mit diesem Leid umgehen und immer versuchen, weiteres Leid zu verhindern – indem sie helfen und aufklären. Ähnlich ist das bei mir in meiner Funktion als Berichterstatter. Das Thema Sicherheit ist wichtig und geht alle an.
Kann man sich durch das, was man schreibt oder fotografiert, strafbar machen?
Wir dürfen nicht bewusst falsche Dinge oder verfälschte Erkenntnisse veröffentlichen. Um das sicherzustellen, müssen wir sehr genau prüfen und recherchieren. Pressefotografen dürfen keine Menschen fotografieren, die sich in einer ganz persönlichen Notsituation befinden – dazu gehören Opfer von Verkehrsunfällen. Würden wir das missachten, würden wir gegen die Regeln des Presserates verstoßen. Die Regeln des Presserats sind eine gemeinsame Übereinkunft aller Medienhäuser zu ethischen und journalistischen Regeln für die Redaktionen.
Ist die Polizei grundsätzlich ein Freund des Polizeireporters?
Natürlich lernt man bei dem Job viele Polizisten kennen. Aber auch wenn ich oft mit der Polizei zusammenarbeite, berichte ich auf der anderen Seite ebenso über Fehler bei Einsätzen, wenn zum Beispiel Polizisten unrechtmäßig oder zu hart vorgehen, oder wenn die Polizei möglicherweise Dinge verfälscht darstellt. Da legen wir als Journalisten auch den Finger in die Wunde und sagen: „Da muss beim nächsten Mal besser und anders gehandelt werden.“
Letzte Frage: Wie kommen die Reporter so schnell zum Tatort?
Wir haben zwar kein Moped, aber ich habe ein Auto, um weiter entfernte Tatorte schnell erreichen zu können. Cool ist, dass in der Redaktion ein E-Scooter bereitsteht, wenn es schnell zu einem Einsatz in der Nähe geht. Der hat uns schon so einige Male an dem einen oder anderen Stau in der Innenstadt vorbeigeführt.