TikTok 14. März 2026 · 8 Min. Lesezeit

Zwischen Wertschätzung und Widerstand: Wie junge Menschen TikTok nutzen

Neue Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung Hamburg zeigt ambivalentes Verhältnis zum Algorithmus

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Michaela Heinze

Redaktion

Jugendliche feiern eine TikTok-Party – die Plattform ist fester Bestandteil ihrer Lebenswelt. © Alyoshine / Pixabay

Worum geht es in der Studie?

Die Forschenden wollten wissen, wie kompetent junge Menschen in der Nutzung ihrer TikTok-Algorithmen wirklich sind. Dabei ging es nicht nur um technisches Wissen, sondern um drei Dimensionen: Was wissen Jugendliche über den Algorithmus? Wie interagieren sie damit? Und welche Emotionen spielen dabei eine Rolle?

Im Mittelpunkt der Studie standen vier Fragen:

  • Inwiefern sind sich junge Menschen der algorithmischen Auswahl bei TikTok bewusst und welches Wissen haben sie über das Empfehlungssystem?
  • Wie interagieren junge Menschen mit dem System und wie nehmen sie ihre eigene Handlungsfähigkeit wahr?
  • Welche Rolle spielen affektive Aspekte im Zusammenhang mit Wissen und Handeln?
  • Welche Rolle spielt TikTok für politische Informationsprozesse im Kontext der Bundestagswahl 2025?

Wer wurde befragt?

Zwischen März und Mai 2025 führten die Forschenden sechs Fokusgruppen mit insgesamt 31 Teilnehmenden in Hamburg, Düsseldorf und Erfurt durch. Die Befragten waren zwischen 16 und 24 Jahre alt und hatten unterschiedliche Bildungshintergründe. Aus diesen Gruppen wurden zwölf Personen für vertiefende Einzelinterviews ausgewählt.

Das Besondere: Die Teilnehmenden der Einzelinterviews stellten ihre eigenen TikTok-Daten zur Verfügung. Die Forschenden analysierten Likes, Kommentare, Suchverläufe sowie Nutzungsdauer und besprachen diese Daten dann gemeinsam mit den jungen Menschen.

Sie wissen viel, nutzen es aber wenig

Ein zentrales Ergebnis: Fast alle Befragten sind sich bewusst, dass ein Algorithmus ihre persönliche „For You Page“ zusammenstellt. Sie wissen auch erstaunlich genau, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Likes, Kommentare, Suchbegriffe, Verweildauer bei Videos – all das wurde in den Fokusgruppen korrekt als Einflussfaktoren identifiziert.

Allerdings gibt es deutliche Altersunterschiede: Während jüngere Teilnehmende vor allem aus ihrer Nutzungserfahrung heraus argumentieren, denken ältere Befragte systemischer und beziehen auch externe Faktoren wie Standortdaten, Cookies oder Verknüpfungen mit anderen Plattformen mit ein.

Was auffällt: Trotz dieses Wissens nutzen die meisten jungen Menschen die Möglichkeiten zur aktiven Steuerung kaum. Datenschutzeinstellungen, personalisierte Suche oder Profiloptionen bleiben weitgehend unberührt. Die Interaktionen – Liken, Wegswipen, Videos speichern – geschehen oft unbewusst, ohne gezielte Steuerungsabsicht.

„Der Algorithmus kennt mich besser als ich mich selbst“

Die emotionale Beziehung zum TikTok-Algorithmus ist gespalten. Auf der einen Seite steht eine ausgeprägte Wertschätzung. Viele Befragte beschreiben den Algorithmus als „personalisierten Begleiter“, der ihre Vorlieben erkennt, sie inspiriert und das Nutzungserlebnis angenehm gestaltet.

Der Algorithmus wird als Mechanismus geschätzt, der die App attraktiv macht – er sorgt für Unterhaltung, Inspiration bei Themen wie Mode, Kochen oder Reisen, und hilft gegen Langeweile. Gleichzeitig berichten viele von negativen Gefühlen: Genervtheit, wenn immer wieder dieselben Themen auftauchen. Unbehagen, wenn die App sich an ihre Stimmung anzupassen scheint.

Wenn Scrollen zur Zeitfalle wird

Besonders eindrücklich beschreiben die Befragten einen Zustand, den die Forschenden als „dissoziativ“ bezeichnen. Junge Menschen berichten davon, plötzlich festzustellen, dass eine Stunde oder mehr vergangen ist – ohne dass sie sich bewusst waren, was sie überhaupt angeschaut haben.

„Wenn man einmal in diesem Swipe-Fluss drinnen ist, dann guckt man sich da durch, auf einmal vergeht dann so eine halbe Stunde oder so. Das kommt schon auf jeden Fall häufiger vor.“

— Teilnehmende der Studie

Manche reagieren darauf mit Selbstregulation: Sie löschen die App zeitweise, nutzen Bildschirmzeit-Limits oder meiden bewusst die Suchfunktion, um nicht in eine Spirale immer gleicher Inhalte zu geraten. Diese Strategien sind Ausdruck eines Autonomiestrebens – der Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Politik auf TikTok? – Eher zufällig!

Was die Rolle von TikTok für politische Informationen angeht, fällt das Ergebnis eindeutig aus: Die meisten Befragten nutzen die Plattform nicht aktiv, um sich zu informieren. Stattdessen stoßen sie eher zufällig auf politische Inhalte, wenn diese in ihrer „For You Page“ auftauchen.

„Aber an und für sich will ich das gar nicht in meinem Algorithmus haben. Politik, damit kann man mich persönlich wirklich jagen. Es interessiert mich halt einfach nicht.“

— Teilnehmende der Studie

Grund dafür ist vor allem das Nutzungsmotiv: TikTok wird als Unterhaltungsplattform wahrgenommen, nicht als seriöse Informationsquelle. Viele äußern grundsätzliche Skepsis: Sie haben Angst vor falschen Informationen und bezweifeln, dass TikTok „vertrauenswürdig“ genug für ernsthafte Nachrichten ist.

Fazit: Kompetent, aber nicht souverän

Die Studie zeigt: Junge Menschen verfügen über ein hohes Bewusstsein für algorithmische Empfehlungssysteme. Sie verstehen intuitiv, wie der Algorithmus funktioniert, und können innerhalb der Plattform-Strukturen durchaus agieren.

Gleichzeitig erleben sie ihre Handlungsfähigkeit als begrenzt. Die tiefergehenden Mechanismen der Datensammlung und -verarbeitung bleiben ihnen verborgen. Wissen und Motivation fehlen oft, um Einstellungen aktiv zu verändern. Stattdessen überwiegt eine pragmatische Zufriedenheit – solange die „For You Page“ unterhaltend ist.

Die Forschenden leiten daraus klare Forderungen ab: Medienpädagogik muss nicht nur erklären, wie Algorithmen funktionieren, sondern auch vermitteln, welche Konsequenzen die Datenpreisgabe hat. Journalistische Anbieter sollten besser zeigen, wie ihre Inhalte einen Mehrwert gegenüber nicht-journalistischen Akteuren bieten.

Zur Studie

Studie: Zwischen Wertschätzung und Widerstand: Algorithmische Kompetenz junger Menschen am Beispiel der Kurzvideoplattform TikTok
Autorinnen und Autoren: Alatassi, Leonie; Hölig, Sascha; Kessling, Philipp (2025)
Verlag: Verlag Hans-Bredow-Institut (Arbeitspapiere Nr. 79)
Methode: 6 Fokusgruppen (n=31), 12 Einzelinterviews mit Datenspenden-Analyse, März–Mai 2025
Durchführung: #UseTheNews-Studie, Leibniz-Institut für Medienforschung | HBI
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