Blick in die Redaktion 14.08.2026 · 4 Min. Lesezeit

„Doktor Google ist selten eine gute Idee“

Heike arbeitet als Wissenschafts- und Gesundheitsredakteurin bei der Neuen Westfälischen. Im Interview erklärt sie, warum Wissenschaftsjournalismus mehr ist als Zahlen abschreiben, wie Pharmafirmen versuchen, Einfluss auf Berichte zu nehmen – und warum man Fitness-Posts auf Instagram lieber mit Skepsis begegnen sollte.

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Michaela Heinze

Redaktion

Heike Krüger - Wissenschaftsjournalistin der NW Bielefeld. Foto: Peter Unger

Mit 19 Jahren hast Du Deinen ersten Artikel geschrieben. Heute, mit 62, findest du kaum etwas Spannenderes als neue Forschungsergebnisse aus der Krebsmedizin. Heike, du bist Wissenschaftsjournalistin. Wie bist du das geworden?

Das war kein gerader Weg. Nach dem Abitur habe ich einfach mal bei unserer Lokalredaktion angerufen und gefragt, wie man Journalistin wird. Die haben mir direkt die ersten Termine gegeben und gesagt: indem du anfängst. Mit 19 hatte ich meinen ersten Artikel geschrieben. Parallel dazu habe ich Anglistik und Geschichte studiert – das klang erst mal nach einem Umweg, war aber tatsächlich super hilfreich. Geschichte schult das Denken in Zusammenhängen, und Englisch hat mir später ermöglicht, auch mit amerikanischen Jazzmusikern Interviews zu führen.

Nach dem Studium habe ich mein Volontariat bei der NW gemacht, war dann Lokalredakteurin in Minden und Sennestadt. Dann habe ich ein Stipendium bekommen und vier Monate in Israel und den palästinensischen Gebieten gearbeitet. Danach war mir klar: Ich will mich spezialisieren. Ich habe mich für den Postgraduiertenstudiengang Wissenschaftsjournalismus an der Freien Universität Berlin beworben – und wurde genommen.

Was macht eine Wissenschaftsjournalistin eigentlich den ganzen Tag?
Ich halte die Lesenden immer im Kopf: Was wollen die wissen? Was betrifft sie direkt? Gesundheitsthemen erzähle ich gerne anhand von echten Menschen und Schicksalen. Zum Beispiel habe ich eine siebenteilige Serie über Einsamkeit gemacht – das klingt erstmal abstrakt, aber Einsamkeit betrifft viele Menschen, auch junge. Und ich verknüpfe solche Berichte immer mit konkreten Hilfsangeboten: Wo finde ich Unterstützung? Was kann ich konkret tun?
Dann gibt es Tage, an denen ich in einer Klinik bin und mit Fachleuten spreche. Oder ich treffe mich mit dem Ärztenetz Bielefeld, das gerade neue Räume in Bethel bezieht und fachübergreifende Kooperationen aufbaut. Das klingt unspektakulär, ist aber für viele Menschen richtig nützlich zu wissen.

Kann ein Artikel wirklich etwas verändern? Hast du ein Beispiel?
Ja, ganz aktuell: Ein Hund, der in der Kinderklinik als Therapiehund eingesetzt wird, ist selbst krebskrank geworden. Seit fünf Tagen stagnierte die Spendensammlung für seine Behandlung. Nachdem wir darüber berichtet hatten, kamen innerhalb von drei Tagen 30.000 Euro zusammen. Das zeigt, was ein Artikel bewegen kann.

Oder: Ich hatte eine Geschichte über eine 27-Jährige, deren Mutter schwer an Demenz erkrankt ist – in sehr jungem Alter. Die junge Frau kämpft ganz allein gegen Versäumnisse in der Pflegeeinrichtung. Das ist einerseits eine Hilfe-Geschichte, andererseits zeigt sie, wie dringend wir bessere Strukturen brauchen, wenn in den nächsten Jahren immer mehr Menschen mit Demenz auf uns zukommen.

Worüber schreibst du gerade besonders gerne?
Krebsmedizin finde ich gerade unglaublich spannend. Das Stichwort ist: personalisierte Krebstherapie. Früher hat man bei Krebs nach dem Gießkannenprinzip behandelt – operieren, bestrahlen, Chemotherapie für alle. Heute schaut man viel genauer hin: Braucht diese Person überhaupt eine Chemo? Oder profitiert sie mehr von einer Immuntherapie?

Das klingt technisch, ist aber ein riesiger Fortschritt. Wer früher eine unnötig aggressive Chemotherapie bekommen hat, trägt manchmal lebenslange Schäden davon – zum Beispiel Taubheitsgefühle in den Händen oder ein erhöhtes Leukämierisiko. Mit passgenauen Therapien lässt sich das vermeiden. Bei häufigen Krebsarten wie Brust- oder Prostatakrebs sind wir da schon sehr weit. Das macht mir wirklich Hoffnung.

Gibt es im Netz auch Gesundheitsartikel, die einfach gelogen sind?
„Doktor Google“ ist selten eine gute Idee – also einfach wild irgendetwas einzugeben und dann nicht zu wissen, welche Seite man da aufruft. Viele junge Leute nutzen inzwischen die KI, was gar nicht schlecht sein muss – aber man muss gut prompten und immer nach Quellen fragen. Dann kann man Dinge überprüfen.

Auf Social Media gibt es ebenfalls gefährliche Inhalte. Besonders schlimme Beispiele sind Profile, die Magersucht idealisieren: „Wie esse ich möglichst wenig, ohne dass es meine Eltern merken?“ Grundsätzlich gilt: Social Media zeigt oft idealisierte Körperbilder, die zu Fehlverhalten führen können. Seriöse Quellen wie „Quarks“ dagegen brechen Wissenschaft auf eine verständliche Art runter – und sie sind verlässlich.

Wie erkennst du, ob eine Quelle seriös ist?
Das ist Erfahrungssache, aber ein paar Regeln helfen auch Einsteigern: Fachgesellschaften und Hochschulen sind in der Regel verlässlich. Foren, in denen Einzelpersonen über schlechte Erfahrungen klagen, sind es oft nicht – nicht, weil die Menschen lügen, sondern weil die Perspektive sehr einseitig ist.

Und Studien muss man einordnen können. Ich hatte kürzlich eine Geschichte, bei der Krankenkassendaten so interpretiert worden waren, als wäre Bielefeld besonders stark von Essstörungen betroffen. Ich habe nachgehakt – und die Expertin der Kinder- und Jugendpsychiatrie erklärte mir: Bielefeld hat einfach sehr gute Behandlungsstrukturen, deshalb kommen Betroffene aus dem ganzen Ruhrgebiet hierher. Die Zahlen stimmten – aber der Schluss war falsch.

Dürfen Pharmafirmen eigentlich beeinflussen, was du schreibst?
Nein, dürfen sie nicht. Aber sie versuchen es. Ich war als junge Redakteurin mal eingeladen zu einem mehrtägigen Workshop einer großen Pharmafirma – Kost, Logis, Gimmicks inklusive. Es ging um grüne Gentechnik, also gentechnisch verändertes Saatgut. Das war eine massive Beeinflussung: einseitiges Material, kritische Fragen nicht erwünscht. Wer gebohrt hat – ich habe gebohrt – war schnell unbeliebt.
Das war lehrreich. Rund ums Berliner Regierungsviertel gibt es Dutzende Pharmalobbybüros, die nichts anderes tun als Einfluss zu nehmen. Als Journalistin muss ich immer fragen: Wer ist der Absender dieser Information – und welches Interesse könnte er dabeihaben?

Du schreibst im Stil des konstruktiven Journalismus. Kannst Du erklären, was das ist?
Das ist eine Haltung: Ich möchte die Leute nicht ins Jammertal stürzen und dort lassen. Wenn ich über eine Krankheit schreibe, gehören immer auch Hilfsangebote, positive Beispiele und konkrete nächste Schritte dazu. Was kann ich tun? Wo finde ich Unterstützung?

Das bedeutet aber nicht, dass ich alles schönrede. Falsche Hoffnungen zu wecken ist genauso schlimm wie Panik zu schüren. Wenn ein Forschungsteam sagt, in zehn Jahren ist Brustkrebs besiegt – das darf ich nicht einfach so übernehmen. Das sind Heilsversprechen, und die haben im Journalismus nichts zu suchen. Konstruktiver Journalismus ist eine Bewegung, die aus den USA kommt – man glaubt es kaum, oder?

Was rätst du Schülerinnen und Schülern, die Journalistinnen oder Journalisten werden wollen?
Einfach anfangen. Tagebuch schreiben, bei der Schülerzeitung mitmachen, Praktika machen. Und dann: gut zuhören, neugierig bleiben, Dinge hinterfragen. Das klingt simpel – ist aber eigentlich alles, was man wirklich braucht.

Für alle, die sich für Wissenschaft interessieren: Hier in Bielefeld gibt es tolle Angebote. Das Teutolab, die Wissenswerkstadt, Jugendprogramme der Hochschulen, die Kinderuni, die Geniale alle zwei Jahre. Und das Historische Museum hat gerade eine Ausstellung, die auch für Schülerinnen und Schüler sehr zugänglich ist. So kommt man niedrigschwellig mit Wissenschaft in Kontakt.

Letzte Frage: Wenn du eine Sache ändern könntest, um die Welt gesünder zu machen – was wäre das?
Ich würde Social Media für sehr junge Menschen stärker regulieren und den Tech-Milliardären mehr auf die Finger schauen. Und ich würde viel mehr gegen Süchte aller Art tun – durch Aufklärung. Von Kaufsucht bis Mediensucht, das kann das individuelle Leben von Kindern und Jugendlichen wirklich sehr negativ beeinflussen. Da wäre schon sehr viel gewonnen.

Titelbild: Peter Unger

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